Die Einsamkeit des Bürgermeisters

Führungspositionen machen einsam, zumindest in der Wirtschaft. Stimmt dieser Satz auch für Chefs in Verwaltungen?

Dass Führungspositionen einsam machen, gilt als bekannte Tatsache. Wer über die Einsamkeit von Chefs spricht, hat meist sofort einen Spitzenmanager in einem großen Unternehmen vor Augen. Als Coach, der mit Führungskräften aus Politik und Verwaltung arbeitet, weiß ich, dass das Gefühl, einsam zu sein, auch in Amtsstuben gut bekannt ist. Nach meiner Erfahrung trifft das in besonderem Maß auf Bürgermeister zu. Das Amt eines Bürgermeisters betrachte ich mittlerweile als einen der am meisten herausfordernden Jobs. Das folgende Szenario habe ich aus Respekt jenen Menschen gegenüber geschrieben, die sich dieser wichtigen Aufgabe stellen und die den Vorsätze treu bleiben, mit denen sie zur Wahl angetreten sind.

Die folgende (Lehr)Geschichte muss nicht repräsentativ für jede/n neu gewählte/n Bürgermeister/in sein. Worauf es mir ankommt: Meine Absicht ist es, den Kontext zu beschreiben, der sich alle Bürgermeister ausnahmslos gegenübersehen und die sie je nach Persönlichkeit und der (UN)Gunst konkreter Umständen mehr oder weniger leicht meistern:

Es war einmal…

Sebastian ist 42 Jahre alt und seit vielen Jahren in der SPD engagiert. Er ist seit 4 Jahren Fraktionsvorsitzender in der Stadtverordnetenversammlung und daher sowohl gut mit den Problemen in seiner Stadt als auch mit der Komplexität politischer Prozesse vertraut. Sebastian ist verheiratet und hat zwei Kinder, die in die Grundschule gehen. In seiner Freizeit fährt er Rad und liest gern skandinavische Krimis.

Als die Bürgermeisterwahl ansteht, meldet er seine Kandidatur an und wird von seiner Partei sofort unterstützt. Seine Frau meldet zwar Bedenken im Hinblick auf das zu erwartende hohe Arbeitspensum an, sagt dann aber schließlich ihre Unterstützung zu. Gemeinsam mit einem kleinen Team aus Fraktionskollegen aus der SVV, lokalen Unternehmern und Freunden erarbeitet er ein ambitioniertes Programm, das im Kern darauf abzielt, die Verwaltung zu modernisieren und auf transparente Kommunikation und Bürgerfreundlichkeit auszurichten. Dieses Ziel wird durch einen Katalog mit konkreten Maßnahmen und Projekten untersetzt.

Programm und Kandidat kommen bei den Wählern gut an. Sebastian wird im ersten Wahl-gang mit absoluter Mehrheit zum neuen Bürgermeister gewählt. Am Wahlabend ist die Freude groß. Zahlreiche Menschen klopfen ihm auf die Schulter „Gut gemacht.“ und wünschen ihm einen erfolgreichen Start. Ein Unternehmer aus seinem Unterstützerteam bringt seine Erwartungen auf den Punkt: „Das war der erste Schritt. Jetzt wird verändert.“ Die folgenden Wochen vergehen wie im Flug. Sebastian gleitet auf einer Woge der Zuversicht. Alle Menschen scheinen ihm wohlgesonnen. Die Amtseinführung läuft harmonisch ab. Erfolgreiche Koalitionsverhandlungen sichern seinen Unterstützern eine knappe Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Die dabei ausgehandelten Kompromisse werden schon tragfähig sein… Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung schienen bereit, den neuen Bürgermeister zu unterstützen.

Ein Jahr später…

Der Hausarzt nimmt das Stethoskop und hört Sebastian ab. Nach einigen weiteren Untersuchungen setzen sie sich in der Arztpraxis gegenüber. Der Arzt sagt: „Ihre Schlafprobleme, die manchmal auftretende Atemnot und die Rückenbeschwerden haben keine organischen Ursachen. Das ist die gute Nachricht. Aber an Ihrer Stelle würde ich im Job kürzer treten. Jetzt! Sofort! Bevor es zu spät ist!

Sebastian steigt nach dem Arztbesuch nicht ins Auto. Seine Gedanken überstürzen sich. Immer wieder tauchte die Frage auf: „Wie konnte es nur soweit kommen?“ Er lenkt seine Schritte aus der Stadt heraus. Während er geht, beruhigt er sich langsam. Seine Gedanken ordnen sich und er erinnerte sich an immer mehr Ereignisse des vergangenen Jahres…

In den ersten Wochen nach seiner Amtseinführung war Sebastians Terminkalender übervoll: Morgenbesprechungen, Vor-Ort-Besuche, SVV, Fraktionssitzung, Gremiensitzungen, Festakte, Bürgergespräche. Alle wollten etwas von ihm. Und für alles fühlte sich Sebastian zuständig. Und vor allem – stark genug, diese vielen Aufgaben zu meistern.

Die Schwierigkeiten tauchten nach und nach auf: der Amtsvorgänger hatte einen Sitz in der Stadtverordnetenversammlung ergattert und kritisierte nach einer gewissen Schamfrist immer offensiver die Amtsführung des neuen Bürgermeisters. Offenbar hatte er immer noch Vertraute in der Verwaltung, die ihn mit internen Informationen versorgten. Seine Fraktionskollegen warfen ihm bald vor, abgehoben zu sein, weil er zu manchen Vorschlägen das Gespräch mit der Opposition suchte oder Vorlagen aus seiner Verwaltung gegen den erklärten politischen Willen den Vorzug gab. Von seiner Frau hörte er immer öfter: „Aber du warst ja wieder mal nicht da.“ Seine wortreichen Verteidigungsreden endeten oft in Streit und langem Schweigen. Bald hatte er das Gefühl, dass die Verwaltungsmitarbeiter in den Gängen an ihm vorbeihuschten oder ihn misstrauisch beäugten. Nur noch seiner Sekretärin, einem Fachbereichsleiter und dem neu eingestellten Mitarbeiter der Stabsstelle für Öffentlichkeitsarbeit schien er voll und ganz vertrauen zu können.

Damit nicht genug: In der Gemeinde schwelte seit Jahren das Problem der als zu hoch empfundener Abwassergebühren. Eine neue Satzung verhinderte eine Mehrheit im Abwasserzweckverband. Zu entscheiden war außerdem eine neue Trägerkonstruktion für die städtischen Kitas. Gegen dieses Vorhaben meldete einer der Koalitionspartner Protest an. Zudem hatte sich gegen die Fällung einiger maroder Bäume entlang der Hauptstraße des Ortes eine Bürgerinitiative gebildet. Im Lokalteil der Zeitung wurden empörte Zuschriften abgedruckt, die den Bürgermeister direkt angriffen und ihm Versagen vorwarfen. Der befreundete Unternehmer, der ihm noch am Wahlabend euphorisch seine Unterstützung zugesagt hatte, machte bei einem lange geplanten Treffens seines Unterstützerteams seinem Ärger Luft: „Wir erwarten von dir, dass du endlich die Projekte in Angriff nimmst, für die wir alle dich gewählt haben.

…sich an all diese Ereignisse zu erinnern, war schmerzhaft. Sebastian war sich überhaupt nicht sicher, ob aus dieser Situation überhaupt ein Ausweg möglich war. Aber die Summe dieser Erfahrungen verdichtete sich jetzt zu einem klaren Bild:

Als Bürgermeister bin ich von den Bürgerinnen und Bürgern direkt gewählt. Ich bin für alle sichtbar und durch mein Amt ein VIP, eine öffentliche Person. Als Bürgermeister bin ich für alle Einwohner der Stadt da. Also glauben auch alle, dass sie mich jederzeit direkt ansprechen, mit ihren Sorgen konfrontieren und auf Probleme hinweisen können.

Als Bürgermeister bin ich auch ein Politiker, der die Erwartungen seiner Unterstützer erfüllen soll und als Projektionsfläche für die aggressiven Impulse der Opposition dient. Das Motto meiner Parteifreunde scheint zu sein; „Du musst jederzeit für uns da sein.“ Und von der Opposition schallt es mir entgegen: „Der macht nichts.“. In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch meine Kontakte mit Ortsvorstehern, Ortsbeiräten, Ausschüssen, Initiativen und Vereinen.

Als Bürgermeister bin ich schließlich auch Chef der Verwaltung. Gemäß meinen Wahlversprechen will ich Veränderungen umsetzen und löse dadurch Verunsicherung aus. In Fachbereichen, Horten, Kitas, Fachdiensten, Stabsstellen, von den Sachbearbeitern und im Personalrat wird genau registriert, was ich tue.

Das ist die Aufgabe, an der ich bisher gescheitert bin: die unterschiedlichen Interessen von Bürgern, von Politikern und von Mitarbeitern der Verwaltung zu vertreten, ihre Forderungen in praktisch zählbare Ergebnisse umzusetzen. Und dabei Übersetzer zwischen den unterschiedlichen Welten von Verwaltung, Politik und Bürgerinteresse zu sein. Was mir auch nicht gelungen ist: eine gute Balance zwischen Offenheit und Abgrenzung im Umgang mit den vielen Ansprüchen an mich herzustellen. Weil ich für mich nicht klar war, wo ich Grenzen ziehen und wo ich offen bleiben und Nähe ermöglichen möchte.

…Sebastian ist mittlerweile schon eine Stunde unterwegs. Er hat den Wald erreicht. Sicher werden sie sich im Rathaus schon fragen, wo ich bleibe. Aber noch war er mit seinen Gedan-ken nicht am Ende…

Bin ich wirklich an der Aufgabe gescheitert? Andere Bürgermeister schaffen das doch auch. Manche sogar ganz souverän. Einer der alten Hasen aus dem Nachbarort hat mir mal gesagt: „Leg dir ein dickes Fell zu und zieh dein Ding durch.“ Will ich das? Was stattdessen? Diese unbeantworteten Fragen lösten neue Gedanken aus: Vielleicht bin ich doch nicht ganz unschuldig an meiner Situation?

Sebastian wurde der hohe Anspruch bewusst, den er mit seinem ambitionierten Wahlprogramm bei vielen Menschen und nicht zuletzt sich selbst gegenüber formuliert hatte. Im Bemühen, diesem Anspruch gerecht zu werden, habe ich mir allein die ganze Verantwortung übergeholfen. Ich habe versucht, durch besonders hohen Einsatz zu glänzen. Die Angst davor, alle zu enttäuschen, hat mich zusätzlich angetrieben. Ich dachte immer nur, ich sei allein. Dabei war ich es, der sich nach und nach distanziert hat. Ich habe mich selbst in eine Ecke gestellt.

…dieser letzte Gedanke ist so kraftvoll, dass Sebastian stehenbleibt. Er dreht sich um und sah zwischen den Bäumen die Silhouette der Stadt. Das ist meine Stadt. Hier gehöre ich hin. Hier lebe ich gern und hier möchte ich alt werden. Ich glaube immer noch, dass ich hier einiges bewegen kann. Sebastian macht einen zaghaften Schritt, und dann noch einen… Und während er immer schneller heimwärts schreitet, formt sich in seinem Kopf erst eine Idee, dann noch eine und schließlich ein ganzes Programm für den Neuanfang…

  • Ich bin nur dann allein, wenn ich das Handeln der Menschen in meiner Umgebung als feindlich interpretiere. Dann komme ich nicht auf den Gedanken, die Hand auszustrecken und anderen einen Vertrauensvorschuss zu geben. Von nun an will ich versuchen, besser zu verstehen, was die anderen brauchen. Ich will lernen zuzuhören. Das gilt vor allem für die Mitarbeiter in der Verwaltung, die von mir bisher stets nur gehört haben, was verändert werden muss.
  • Ich will besser auf mich achten und meine Grenzen deutlich setzen. Das gilt vor allem im Kontakt mit Bürgern und gegenüber meinen Parteifreunden. Wie oft habe ich in den vergangenen Monaten meine Familie hinter diesen Ansprüchen zurückgestellt. Für die Menschen, die mir am wichtigsten sind, hatte ich selten Zeit. Das wird von nun an anders. Die Parteifreunde werden sich an ein Nein von mir gewöhnen müssen.
  • Ich werde stärker darauf achten, was in meinem Job wichtig ist. Aus dem Tagesgeschäft kann ich mich mehr zurückziehen. Ich muss nicht jedes Bürgeranliegen zur Chefsache machen. Wozu habe ich schließlich eine funktionierende und kompetente Verwaltung. Was habe ich bisher getan? Die Übernahme von Verantwortung gepredigt und dann die aus meiner Sicht wichtigen Angelegenheiten an mich gezogen. Schluss auch damit!

Sebastian steht vor dem Rathaus. Ihm ist, als ob er es heute zum ersten Mal richtig sieht. Ein schönes Gebäude. Und ich bin hier Bürgermeister. Dieser Gedanke erfüllt ihn wieder mit Stolz, wie zuletzt am Tag seiner Amtseinführung.

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